06.04.2026

Taiwan Today

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Ungebrochene Hingabe

01.11.1999
Schwester Petronelly Koulers: "Gelegentlich fahre ich mal zurück nach Holland, bin dann aber immer froh, wieder zurückzukommen. Mein Herz ist in Taiwan." (Huang Chung-hsin)

In der Morgensonne erscheint das St. Anne-Heim am Ende der Chung-shan North Road in Taipei besonders friedvoll. Ein junger Chinese trottet durch den Hof. Jemand spricht ihn an und fragt ihn, wo man Schwester Petronelly Koulers finden könne. An dem etwas einfältigen Gesichtsausdruck des Mannes ist erkennbar, daß er nicht so ist wie andere Leute in seinem Alter. "Da drüben", antwortet er und zeigt auf eine weißhaarige Nonne.

Der junge Mann stellt sich als "Jack" vor. Schwester Petronelly, eine 76jährige katholische Nonne aus den Niederlanden, ist praktisch wie eine Mutter für ihn. Seit 23 Jahren lebt sie fest im St. Anne-Heim. "Als er vor 22 Jahren von seinen Eltern hierhergebracht wurde, war er erst 18 Monate alt", berichtet sie. "Sein Vater war Arzt und seine Mutter Krankenschwester. Nachdem sie den Jungen abgeliefert haben, kamen sie nur noch einmal hierher, um für ihn zu bezahlen. Dann machten sie sich einfach nach den USA aus dem Staub."

So wurde dieses geistig behinderte Kind aufgegeben und im St. Anna-Heim zurückgelassen -- einem Zufluchtsort für viele Seelen, die von der Gesellschaft im Stich gelassen werden. Die Idee der Gründung von St. Anna als Institution für Kinder mit körperlichen und geistigen Problemen hatte der niederländische Priester Gerard Beunen gehabt. Ab 1946 missionierte Beunen auf dem chinesischen Festland, zog aber 1951 nach Taiwan. Auf einer Reise in sein Heimatland 1972 traf der Gottesmann die damals 49jährige Schwester Petronelly, die er schon als junges Mädchen gekannt hatte. Bevor Schwester Petronelly nach Taiwan kam, hatte sie bereits 22 Jahre Erfahrung mit der Pflege behinderter Kinder in den Niederlanden gesammelt. Als Pater Beunen sie bat, ihre Heimat zu verlassen und ein Heim für geistig behinderte Kinder in Taipei aufzubauen, sagte sie ohne Zögern zu. In jenem Jahr kam Schwester Petronelly nach Taiwan, einem bis dahin für sie völlig fremden Ort. 1976 konnte mit Spenden aus den Niederlanden das St. Anna-Heim gegründet werden.

Die Pflege von Kindern, besonders von kranken Kindern, erfordert viel Geduld und Energie. In den Augen von Schwester Petronelly verdienen es aber alle Menschen, geliebt zu werden. Zur Zeit hat das Heim 52 Bewohner, aber nur etwa ein Drittel der Eltern zahlen für ihre Kinder. Die Kinder sind mongoloid, spastisch gelähmt oder leiden an anderen Krankheiten, und die meisten von ihnen können sich nur mit Mühe bewegen oder sprechen. Jack ist da eine Ausnahme. Um die Kinder kümmern sich drei katholische Missionare und einheimisches Personal.

"Als ich das erste Mal hierher kam, waren die Menschen sehr arm und wußten nicht, was sie mit diesen Kindern anfangen sollten", erinnert sich Schwester Petronelly. "Viele Kinder wurden einfach vor dem Eingangstor abgesetzt." Im ersten Obergeschoß sind die schwerbehinderten Kinder untergebracht -- viele sind tatsächlich Erwachsene, die wegen Wachstumsstörungen aber wie Kinder aussehen. Die niederländische Nonne nähert sich einem kleinen menschlichen Wesen mit kurzgeschorenem Haar. "Sie wurde hier vor unserem Portal ausgesetzt und ist jetzt zwanzig Jahre alt", berichtet die Schwester voller Mitleid. "Wer ihre Eltern sind, weiß ich nicht. Sie ist blind und stumm und ißt alles, auch ihr eigenes Haar, deswegen müssen wir es ganz kurz schneiden."

Die Nonne erinnert sich an eine Zeit vor drei Jahren, als in einer einzigen Woche drei Babies -- jeweils eine Woche, zwei Wochen und einen Monat alt -- an drei verschiedenen Tagen vor dem Heim ausgesetzt wurden. "So etwas tut wirklich weh", empört sie sich. "Die Eltern hätten hereinkommen und mit mir sprechen sollen. Man legt ein Kind nicht einfach vor der Tür ab. Es ist doch kein Hund, sondern ein Mensch!"

Warum sie eine katholische Nonne wurde? Sie wollte einfach. "Als ich jung war, hatte ich einen Freund, aber ich wollte etwas Besonderes tun", erzählt sie lachend. "Also gab ich ihm den Laufpaß und trat im Alter von 22 Jahren in ein Konvent ein." Offenbar bereut die Nonne ihre Entscheidung nicht -- seit fast fünfzig Jahren hat sie eine unveränderte Sorge für diese unglücklichen Kinder gezeigt, zuerst in den Niederlanden, dann in Taiwan. Fern ihrer Heimat ist die Insel für sie eine zweite Heimat geworden. "Die Menschen hier sind sehr nett. An den Wochenenden kommen oft junge Leute, um die Kinder zu besuchen und ein paar von ihnen zu dem Park in der Nähe mitzunehmen. Heute spenden uns manche Taiwanesen auch Geld und ermöglichen unseren Kindern durch finanzielle Unterstützung sogar den Schulbesuch", zählt sie auf und fügt noch hinzu, daß gegenwärtig sieben Kinder aus St. Anna eine Sondergrundschule besuchen. "Ich mag die Menschen hier. Gelegentlich fahre ich mal zurück nach Holland, bin dann aber immer froh, wieder zurückzukommen. Mein Herz ist in Taiwan."

Ein anderes Beispiel für langfristige Hingabe an christliche soziale Arbeit ist die spanische Schwester Maria Isabel Elizari, die seit dreißig Jahren in Pingtung (Südtaiwan) lebt. "Ursprünglich wollte ich nach Afrika gehen anstatt nach Taiwan, das mir damals recht unbekannt war", sagt die Nonne von den Dominikanischen Schwestern des Rosenkranzes der katholischen Kirche. "Meine Organisation beschied mich jedoch, daß ich in Taiwan gebraucht würde. Alle Nonnen müssen ja drei Gelübde ablegen: Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam -- also gehorchte ich und kam nach Taiwan."

Am Anfang diente die heute 56jährige Schwester Isabel in einer kleinen Entbindungsklinik und dem benachbarten Waisenhaus, die beide von der katholischen Kirche gegründet worden waren. Im Zuge der Verbesserung der medizinischen Standards in Taiwan wurde die kleine Klinik mit nur zehn Betten 1985 geschlossen, weil sie im Vergleich zu den neu entstandenen großen Krankenhäusern einfach zu klein war. Dann wurde auch das Waisenhaus für Mädchen dichtgemacht; aber beide Institutionen hatten vielen Menschen geholfen, als Taiwan noch nicht so fortschrittlich wie heute war. "Ich fand mein Leben bei der Fürsorge für diese hilflosen Mädchen sehr sinnvoll", resümiert die Nonne. "Sie betrachteten mich als ihre Mutter, und ich fühle mich ihnen auch heute noch nahe. Natürlich sind sie inzwischen alle erwachsen. Hin und wieder kommen sie mich besuchen, und während des chinesischen Neujahrsfestes kommen wir alle zusammen -- wie bei einem Familientreffen."

Heute gibt es für Schwester Isabel immer noch allerhand zu tun. Durch Freunde und Bekannte sucht sie nach Menschen, die Hilfe brauchen, etwa Alte und Kranke. Schwester Isabel geht auch in Krankenhäuser und tröstet Patienten, und sie macht Hausbesuche bei verzweifelten Menschen, um ihnen Rat zu geben. "Wenn die Entfernung nicht mehr als 20 Kilometer beträgt, kann ich mit meinem Roller hinfahren. Wenn's weiter ist, fahre ich mit dem Auto. Ich gehe überall hin, wo Menschen Hilfe brauchen. So einfach ist das."

Seit der Schließung der Entbindungsklinik 1985 gibt Schwester Isabel den Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt Pingtung einmal in der Woche Unterricht. Vor vier Jahren begann sie auch, im Drogen-Entgiftungszentrum der JVA Beratung anzubieten. Heute geht sie jeden Mittwochmorgen in das Gefängnis und besucht Häftlinge, und jeden Mittwochnachmittag besucht sie Drogenabhängige.

Im Laufe der Jahre hat Schwester Isabel im Knast so viele Menschen betreut, daß sie manchmal auf der Straße unerwartet von ihnen begrüßt wird. "Wenn mir jemand im Zug einen Platz anbietet, dann weiß ich, es ist höchstwahrscheinlich einer von denen. Andere Menschen erweisen mir eher selten diese Freundlichkeit." Wenn das geschieht, fragt die Nonne, "wo haben wir uns das erste Mal getroffen?" -- eine Frage, auf die normalerweise wissendes Gelächter von beiden Seiten folgt.

Schwester Isabel besucht die Häftlinge auch nach ihrer Entlassung aus dem Bau. "Ich besuche sie, um zu sehen, wie es ihnen geht und ob sie einen Job haben", begründet sie und räumt ein, daß manche von ihnen wieder ihre alten Lebensgewohnheiten aufnehmen und zurück ins Kittchen geschickt werden.

"In Wirklichkeit haben die Häftlinge alle ein gutes Herz", glaubt sie. "Manche haben wegen der schlechten sozialen Umgebung Verbrechen begangen." Drogenbedingte Probleme werden ihrer Ansicht nach immer schwerwiegender und sollten von Taiwans Gesellschaft die höchste Aufmerksamkeit erhalten. "Wissen Sie, alle zwei Wochen werden allein aus Kaohsiung und Pingtung über hundert Rauschgiftsüchtige zum Entgiftungszentrum hier geschickt. Wie sieht denn dann nun die Zukunft Taiwans aus?"

Während Schwester Isabel sich um die zukünftigen Generationen auf der Insel Sorgen macht, mag sie Taiwan aber auch immer mehr -- besonders Pingtung, wo sie seit Jahrzehnten lebt. "Die Menschen hier sind wirklich nett. Immer wenn ich aus Pingtung wegfahre, freue ich mich auf die Rückkehr." Wann wird sie in den Ruhestand treten? Die spanische Nonne erwidert scherzend: "Erst wenn ich mit meinem Roller einen Unfall baue." Womit sie meint, daß sie so lange arbeiten will, wie sie kann. Wenn Schwester Isabel krank ist und nicht mehr arbeiten kann, will sie nach Spanien zurückkehren. "In Nordspanien hat unsere Organisation ein Heim extra für pensionierte und kranke Überseemissionsschwestern eingerichtet. Da werde ich dann hingehen und mit anderen Nonnen gepflegt werden. Ich will den Menschen hier nicht wegen Krankheit zur Last fallen, aber ich werde auf jeden Fall mit meinen Freunden in Taiwan in Verbindung bleiben. Sie werden mir nach der Rückkehr in meine Heimat bestimmt fehlen."

Ungebrochene Hingabe

Nach einem Leben der Arbeit mit Waisen hat Kathryn Merrill viele "Töchter" in Taiwan und anderen Teilen der Welt. (Courtesy Kathryn Merrill)

Die 65jährige Missionarin Kathryn Merrill von The Evangelical Alliance Mission (TEAM), die kürzlich in ihre Heimat Kalifornien zurückkehrte, hat ebenfalls viele Freunde und "Töchter" auf der Insel. "Als ich noch ein kleines Mädchen war, unterstützten meine Eltern ein Mädchen in einem Waisenhaus von der Mission Door of Hope (Tor der Hoffnung) in Shanghai, und beim Beten für das Waisenhaus fühlte ich, daß Gott auch mich zur Arbeit mit Waisenkindern führen würde", erzählt Merrill, die vor ihrer Arbeit in Taiwan Lehrerin in den USA war. "Ich mag Kinder und unterrichte sie gern, daher hatte ich großes Interesse an dieser Art von Arbeit."

Die Mission Door of Hope war im Jahre 1901 in Shanghai als Glaubensmission für die Rettung von armen und heimatlosen chinesischen Kindern gegründet worden. 1954, also vier Jahre, nachdem die Organisation Shanghai wegen der kommunistischen Revolution hatte verlassen müssen, wurde in Taipei die Mission Door of Hope neu gegründet, und sie begann mit der Aufnahme von Mädchen in verzweifelter Lage. 1958 übernahm TEAM das Heim und änderte den Namen in "Kinderzuflucht Tor der Hoffnung". Die meisten Mädchen waren aber keine Waisen, sondern die Kinder armer, alleinstehender Mütter. Merrill war ab 1960 dabei und lernte zur Vorbereitung ihres Dienstes in dem Mädchenheim die chinesische Sprache. "Als ich nach Taiwan kam, fühlte ich, daß das mein Lebenswerk sein würde", rekapituliert Merrill. "Ich hatte nicht die Absicht, in ein anderes Land zu gehen."

Während ihrer ersten Zeit im Heim lebten dort etwa 110 Mädchen. "Ich versuchte, mir ihre Namen zu merken und auf Chinesisch mit ihnen zu reden", plaudert die Missionarin. Sie holt einen Stapel Fotoalben hervor und zeigt auf ein Bild, auf dem Schülerinnen zur Schule schlendern. " Das war 1963, der erste Schultag für unsere Mädchen, und das hier ist der Speiseraum, wo sie auch ihre Schularbeiten machten und jeden Abend einen Gottesdienst hatten." Beim Betrachten der vielen Fotos, die zur Dokumentierung der wachsenden Erfahrungen ihrer spirituellen Töchter aufgenommen wurden, welche von ihr und anderen Missionaren im Laufe vieler Jahre buchstäblich gefüttert und gekleidet worden waren, bietet Merrill selbst ein Bild der Erfüllung. "Das älteste Mädchen, das in dem Heim gelebt hatte, ist heute über fünfzig, und die jüngste etwa 32. Viele von ihnen haben geheiratet, und ihre Kinder nennen mich 'Oma'."

Die Zeiten haben sich geändert. Die " Kinderzuflucht Tor der Hoffnung" wurde 1977 geschlossen, weil es laut Merrill immer schwieriger wurde, Personal zu finden. " Außerdem hatte Taiwan zu jener Zeit auch einige Sozialdienstprogramme für Bedürftige gestartet", ergänzt sie. "1950 gab es noch überhaupt keine Hilfe." Im Jahre 1977 starb auch Merrills Vater, daher ging sie zurück in die Staaten und kümmerte sich um ihre Mutter. Acht Jahre später kam die unverheiratete Missionarin wieder nach Taiwan und richtete 1987 an der Stelle der früheren Kinderzuflucht einen Treffpunkt für Mädchen ein, die im Tor der Hoffnung aufgewachsen waren.

Will sie denn nicht selber heiraten und eine Familie haben? "Als Protestantin darf ich heiraten, aber Gott hat mir niemand geschickt", sinniert sie lächelnd. " Jedenfalls ist das überhaupt keine Frage für mich, denn Gott hat mir so viele Töchter geschenkt -- sie sind meine Familie." Heute hat Merrill noch Kontakt mit 170 der früheren Waisenmädchen in Taiwan und etwa 60 in insgesamt elf anderen Ländern. Manche der Mädchen säen selbst weiter die Saat der Liebe aus, indem sie Kinder in armen Ländern fördern und damit das zurückgeben, was sie erhalten haben. Eine von ihnen wurde Merrills Mitarbeiterin in dem 1987 von ihr gegründeten Zentrum.

Im Hinblick auf ihr Leben in Taiwan urteilt Merrill: "Das war eine sehr positive Erfahrung für mich." Doch sie ging schließlich in die USA zurück, weil TEAM ihre Missionare zur Rückkehr in ihre Heimatländer ermutigt, bevor sie für eine Wiedereingewöhnung dort zu alt sind. "Ich miete mir eine Wohnung und kann in den englischsprachigen und chinesischen Kirchen helfen, wo ich jeweils viele Freunde habe", plant sie. "Ich will aber auch weiterhin mit den Freunden in Taiwan Kontakt halten. Irgendwann in der Zukunft werde ich sie wieder besuchen."

Die meisten ausländischen Missionare, die lange auf Taiwan gelebt haben, sprechen gut Chinesisch, und manche verstehen auch den taiwanesischen Dialekt. Einige wenige beherrschen sogar Ureinwohnersprachen, darunter auch Pater Anton Josef Weber von der katholischen Organisation der Steyler Missionare (eigentlich "Gesellschaft des göttlichen Wortes", auf Latein Societas Verbi Divini, abgekürzt SVD).

Der Priester aus Süddeutschland lebt seit 34 Jahren in Taiwan und verbrachte viel Zeit mit Ureinwohnern, hauptsächlich den Tsou in der Bergregion des Kreises Chiayi (Südtaiwan). "Meine Organisation teilte mir damals mit, daß in Taiwan Missionare gebraucht würden, und ich hatte auch selbst Lust, herzukommen." So kam Pater Weber im Jahre 1965 als 28jähriger nach Taiwan, um einem alten deutschen Priester nachzufolgen, der in der festlandchinesischen Provinz Gansu gedient hatte, und um in den schlecht entwickelten ländlichen Gemeinden am Berg Alishan im Kreis Chiayi zu arbeiten.

"Das Leben war damals ziemlich einfach, aber die Verkehrsverbindungen waren sehr schlecht", erinnert sich der Pater. Wenn er etwa von der Stadt Chiayi in die Bergregion fahren wollte, saß er erst einmal vier Stunden in der Berg-Eisenbahn, und dann brauchte er zusätzlich ein bis zwei Stunden zu Fuß vom Bahnhof zu den Bergdörfern. "Wenn man sich jedoch erst mal daran gewöhnt hatte, dann machte einem eine solche Tour nichts mehr aus", fügt Pater Weber hinzu. Sechzehn Jahre lang versah er seinen Dienst in den Bergen und arbeitet nun in der Stadt Chiayi.

Während der drei Jahrzehnte, die der Priester für das Wohlergehen der Ureinwohner arbeitete (die ersten beiden Jahre hatte er in einer Sprachenschule für ausländische Missionare in Hsinchu Hochchinesisch gelernt), half er nicht nur bei der Gründung von Kreditgemeinschaften -- finanziellen Institutionen in den Ureinwohnerdörfern, die die Ureinwohner unter anderem zum Geldsparen ermuntern --, sondern arbeitete auch mit dem öffentlichen Sektor bei Projekten zur Verbesserung der Lebensbedingungen zusammen. Ende der achtziger Jahre übernahm Pater Weber in Chiayi die Leitung eines Studentenwohnheimes für Ureinwohner-Teenager, die an der benachbarten katholischen Schule Unterricht bekamen. Zur Zeit leben etwa 120 Schüler in dem Wohnheim. Manche Schüler mit finanziellen Schwierigkeiten werden von der SVD gefördert.

Ähnlich eindrucksvoll sind Pater Webers Bemühungen zur Bewahrung der Ureinwohnerkulturen. In einer Zeit, während der die Regierung ausschließlich die chinesische Hochsprache förderte, erforschte er die Tsou-Sprache. "Die Tsou-Sprache ist wunderschön", schwärmt Pater Weber, der sowohl auf Chinesisch als auch auf Tsou predigen kann. "Die alten Stammesangehörigen der Tsou können zwar noch ihre Muttersprache, aber die nächste Generation ist da nicht mehr so sattelfest, und oft reden sie mit ihren Eltern Mandarin-Chinesisch."

Ureinwohnersprachen ohne eigene Schrift sind aber nur schwer zu bewahren, daher entwickelte Pater Weber mit lateinischen Buchstaben ein Schriftsystem für die Tsou-Sprache. Danach erstellte er gemeinsam mit einem ungarischen Linguisten, der jetzt an der Providence-Universität im Kreis Taichung (Zentraltaiwan) lehrt, ein Tsou-Deutsches Wörterbuch. Dank der von Pater Weber bereitgestellten Informationen konnte der Linguist auch seine Dissertation über diese Ureinwohnersprache fertigstellen.

"Ich hoffe, daß die jüngere Generation des Tsou-Stammes ihre Muttersprache nicht nur sprechen, sondern auch schreiben kann", verrät der Missionar, der den Tsou eine Zeitlang auch Unterricht im Schreiben ihrer Sprache erteilte. Glücklicherweise ermutigt die Regierung der Republik China die Menschen seit einigen Jahren zum Schutz der Ureinwohnersprachen auf der Insel. Pater Webers Engagement für die Zukunft der Tsou-Sprache ist aber gerade deswegen so beeindruckend, weil er noch vor der Regierung mit der Arbeit zum Schutz der Ureinwohnerkulturen begann. In gewisser Weise scheint dieser Missionar noch "taiwanesischer" zu sein als viele Menschen auf der Insel.

Ein anderer ausländischer Priester aus den Alpen ist der 65jährige Pater Luis Gutheinz, der in einem kleinen katholischen Dorf in Österreich aufwuchs. "Mit 15 Jahren hörte ich eine innere Stimme, die mich zum Priestertum berief", erinnert er sich. Als er dann bei einer Versammlung im Oktober 1952 einen jungen katholischen Führer sagen hörte, "Nun lasset uns alle für die unterdrückten Christen in China beten", da vernahm der 18jährige Luis wieder eine innere Stimme. "Asien hatte immer eine große Anziehungskraft auf mich, besonders China", bekennt er. "Warum, weiß ich nicht genau. Jedenfalls gab mir Gott in jenem Augenblick schließlich eine Antwort, und ich wurde mir über meine Wahl klar. Ich beschloß, nach China zu gehen."

So wurde Taiwan -- als Teil der chinesischen Gesellschaft -- das Ziel von Pater Luis. Nach fünf Wochen auf See kam er im Jahre 1961 in Ostasien an. Er erinnert sich noch gut daran, wie das Schiff auf dem Weg nach Taiwan in Hongkong ankerte und er zum ersten Mal die Massen chinesischer Menschen sah. "Ich dachte, 'ja, das gefällt mir. Meine Entscheidung war absolut richtig'", erinnert sich der Jesuit, sichtlich bewegt. "Dann kam ich zum Hafen Keelung in Nordtaiwan. Ich habe ja lange in den Alpen gelebt, und als ich dann so viel Wasser sah, fühlte ich mich großartig."

Pater Luis, der heute an der Fu Jen Catholic University in Hsinchuang (Kreis Taipei) Theologie lehrt, besticht durch seine Vitalität. Den höchsten Berg auf der Insel, den 3952 Meter hohen Jadeberg, hat er bereits 18mal erstiegen. Seinen unermüdlichen Enthusiasmus kann man aber am besten an seinem Engagement für die Leprakranken der Insel erkennen -- für Menschen, die vom Rest der Gesellschaft größtenteils marginalisiert und ausgestoßen wurden.

Pater Luis hatte nie an die Fürsorge für Leprakranke gedacht, bis ihn eines Tages ein alter italienischer Priester beiseite nahm und sprach, das Lesheng-Sanatorium für Lepröse im Landkreis Taipei bräuchte einen jungen Priester zur Aushilfe. Pater Luis erinnert sich noch an den Tag, an dem er mit dem alten Italiener zum Lesheng-Sanatorium ging, es war der 21. September 1975. Der österreichische Missionar gesteht, daß er bei seinem ersten Kontakt mit den Leprakranken schockiert war -- besonders angesichts des abgegrenzten Bereichs für die Patienten, die gleichzeitig an Lepra und Geisteskrankheit litten. Diese Erfahrung war so bedrückend, daß er an jenem Tag nach der Rückkehr zur Kirche weinte, betete und keinen Bissen herunterbekam. "Ich sagte Gott, daß man mit einer der beiden Krankheiten schon hart genug gestraft sei. Warum wurden diese Menschen von beiden Leiden heimgesucht? Das war einfach zu viel."

Pater Luis erwähnt noch einen anderen Grund für seine Entscheidung, den Leprakranken zu helfen: Ursprünglich wollte seine jüngere Schwester Nonne werden und zur Pflege von Leprakranken nach Korea gehen, aber wegen des plötzlichen Todes der Mutter blieb sie statt dessen zu Hause und kümmerte sich um die Familie. Als Pater Luis dann die Leprakranken in Lesheng sah, dachte er an seine Schwester und beschloß, ihre ungehörte Berufung zu erfüllen.

In den letzten 24 Jahren war Lesheng ein Schwerpunkt der Arbeit von Pater Luis. Er kooperierte mit den Presbytern und Buddhisten zur Verbesserung des Daseins der Insassen durch spirituellen Beistand und finanzielle Unterstützung. Jeden Sonntag feiert er in der Kapelle des Leprosoriums eine Messe und macht regelmäßig seine Runde in den Krankenzimmern, in denen wegen der Krankheit und des Leidens gewöhnlich eine Atmosphäre der Schwermütigkeit und Trauer herrscht. Die Patienten sind alle nicht mehr jung, und die meisten haben wegen der Krankheit zumindest Teile ihrer Arme und Beine verloren. Gewöhnliche Menschen machen in der Regel einen Bogen um sie, obwohl behandelte Leprakranke nicht mehr ansteckend sind. Pater Luis jedoch spricht gern mit diesen Patienten und zeigt ihnen seine Sorge für ihr Wohlergehen. Er kommt ihnen nahe, klopft ihnen auf den Rücken und hält ihnen sanft die Hand. Für ihn sind es Freunde für's Leben.

Die Herausforderung für Pater Luis besteht darin, daß diese alten Kameraden im Laufe der Zeit nach und nach wegsterben, und die Zahl der Patienten liegt heute etwas über 400 -- 1975 hatte die Zahl noch rund 700 betragen. Auf der anderen Seite zeigt der Rückgang der Krankenziffer, daß es nur noch selten neue Leprafälle gibt. Doch dieser österreichische Priester wird auch weiterhin für die Leprakranken arbeiten. Vor ein paar Jahren besuchte er mehrere Lepra-Sanatorien in Südchina und begann dann in Taiwan, Spenden für die hunderttausenden von Leprakranken auf der anderen Seite der Taiwanstraße zu sammeln. Eine andere Mission, ein anderes schweres Ziel im Leben. Für Pater Luis hört die Liebe offenbar niemals auf.

(Deutsch von Tilman Aretz)

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